| Sunday, 05.09.2010 | |
| Portfolio als Entwicklungsinstrument | |
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Thomas Häcker Der Begriff "Portfolio" gewinnt zur Zeit in der Schule zunehmend an Popularität. Doch auch wenn gelegentlich bereits von einer "Portfoliomanie" (Behrens 2001) gesprochen wird, darf das nicht darüber hinwegtäuschen, dass in der Regel nur wenig Klarheit darüber besteht, was sich hinter dieser Etikette im pädagogischen Bereich eigentlich verbirgt. Im folgenden werde ich daher skizzieren, welches Verständnis von Portfolio wir in der Heidelberger Arbeitsgruppe proSchule unserer Arbeit mit Portfolios in Schulklassen der Sekundarstufe I zugrunde legen (vgl. Häcker/Dumke/Schallies 2002). Die Frage, was mit "Portfolio" im Zusammenhang mit Schule gemeint ist, ist aus verschiedenen Gründen zunächst nicht leicht zu beantworten, denn bis heute herrscht weder im anglo-amerikanischen, noch im franko-kanadischen oder im deutschen Sprachraum ein einheitliches Begriffsverständnis von schulischen Portfolios vor (vgl. Barton & Collins 1993, 202; Behrens 1997, 176). Es gibt auch nicht "das" Portfolio, sondern - je nach Verwendungszweck (Funktion) - sehr unterschiedliche Arten von Portfolios (vgl. Forster & Masters 1996, 1; Häcker 2002, 210f.). Das Portfolio stellt also kein festes Konzept dar: "The portfolio is a concept, that can be realized in many waysö (Paulson u.a. 1991, S.61). Portfolios sind so unterschiedlich wie die SchülerInnen, die sie erstellen und die Klassenzimmer, in denen man sie findet. Vor dem Hintergrund der genannten Unsicherheiten mit dem Begriff des Portfolios setzt jede Auseinandersetzung damit, sei es im alltäglichen Austausch oder im wissenschaftlichen Diskurs, genaue Angaben über das hinter dem jeweils verwendeten Begriff stehende Konzept voraus. Sehr viel einfacher ist dagegen die Frage zu beantworten, woher "Portfolios in der Schule" kommen bzw. auf welchem Weg sich die Idee hier (vorwiegend) verbreitet hat: im deutschen Sprachraum beziehen sich die meisten Autoren Portfolioliteratur aus dem US-amerikanischen Sprachraum (vgl. Häcker 2002, 205). Der Portfolioansatz verbreitet sich rasant: bereits 1990 wird in den USA von Portfolio als einem der drei curricularen "Toptrends" gesprochen (vgl. Vavrus 1990). Die Erfahrungsberichte zum Einsatz von Portfolios als Lehr- und Beurteilungsinstrument reichen vom Leseunterricht über die bildenden und darstellenden Künste bis hin zum naturwissenschaftlichen Unterricht auf nahezu sämtlichen Altersstufen. Inzwischen ist allein in den USA die auf Portfolio Bezug nehmende Literatur kaum mehr zu überblicken. Portfolios erhöhen dem Anspruch nach die Selbststeuerung und Eigenverantwortung im Lernen. Portfolioarbeit basiert auf einer Vorstellung von Lernen als einem aktiven Konstruktionsprozess des Lernenden. Entsprechend wird der Ansatz in Theorie und Praxis häufig von Anhängern des (erkenntnistheoretischen) Konstruktivismus vertreten. Was heißt das? Stark vereinfacht besagt die Erkenntnistheorie des Konstruktivismus, dass wir Menschen die Welt in unserer Wahrnehmung nicht einfach abbilden wie etwa ein Photoapparat, sondern dass unsere Wahrnehmung das Ergebnis eines aktiven Konstruktionsprozesses des Wahrnehmenden ist. Ein Standpunkt, den in der Neuzeit neben anderen z.B. Immanuel Kant vertreten hat. Heute wird dieser erkenntnistheoretische Skeptizismus vor allem von Heinz von Foerster, Ernst von Glasersfeld und Paul Watzlawick, aber auch von zahlreichen anderen Autoren vertreten. Grob vereinfacht gesagt: wir konstruieren uns unsere Wirklichkeit im Wesentlichen selbst. Entsprechend kann auch das Lernen nicht als eine passive "Übergabe" von Informationen der Lehrenden an die Lernenden (miss-)verstanden werden. Auch das Lernen ist immer ein aktiver Konstruktionsprozess des Lernenden, der von den Lehrenden weit weniger direkt beeinflusst werden kann, als Lehrende sich dies in der Regel erhoffen. Um Lernen zu einem sinnhaften, für den Lerner bedeutsamen und nachhaltigen Prozess werden zu lassen, empfehlen konstruktivistische Lerntheoretiker daher ein Lernen an authentischen, d.h. lebensnahen, komplexen, herausfordernden und ergebnisoffenen Problemstellungen, eine Forderung, die bereits John Dewey (1916) an Lernprozesse gestellt hatte. Doch was ist denn nun eigentlich ein Portfolio, wie wir es verstehen? Bei unserer Arbeit betrachten wir das Portfolio vor allem als ein Entwicklungsinstrument für selbstbestimmtes Lernen und beziehen uns dabei auf eine Definition von Paulson et al. (1991):
Ein Portfolio ist eine zielgerichtete und systematische Sammlung von Arbeiten, welche die individuellen Bemühungen, Fortschritte und Leistungen der / des Lernenden in einem oder mehreren Lernbereichen darstellt und reflektiert. Im Portfolioprozess wird die / der Lernende an der Auswahl der Inhalte, der Festlegung der Beurteilungskriterien sowie an der Beurteilung der Qualität der eigenen Arbeit beteiligt (Paulson et al., 1991, 60; Übers. T.H.). Anders gesagt: Das Portfolio erzählt die Geschichte des Lernens. Dabei wird die Schülerin/ der Schüler von verschiedenen Seiten unterstützt, all das aufzunehmen, was diese Geschichte besser zu erzählen hilft (vgl. Behrens 1997, 177). Verschiedene Arten von Portfolios lassen sich am deutlichsten nach ihrem Zweck (purpose) unterscheiden und zwar auf dem Spektrum zwischen Portfolio als Entwicklungsinstrument einerseits und als Leistungsbeurteilungsinstrument andererseits. Zwischen diesen beiden Polen gibt es zahlreiche "Spielarten". Theoriesprachlich unterscheidet man zwischen summativer bzw. formativer Beurteilung (oder Evaluation).
Vereinbarungen zwischen Schülern und Lehrern
Der Zweck der Portfolioarbeit bestimmt maßgeblich seinen Inhalt (content), die Auswahlprozesse der Dokumente (selection) und die Interaktion zwischen Lernenden und Lehrenden. Zweck und Ziel sind vor Beginn jeder Portfolioarbeit offen zu besprechen, zu vereinbaren und verbindlich festzulegen. Das Portfolio ist kein Selbstzweck. Seine Erstellung muss einen Sinn im Lern-Kontext machen. Ausgangspunkt der Portfolioarbeit ist daher eine (offene, komplexe) Fragestellung, ein Problem oder eine Aufgabe. Das Portfolio selbst dient dem Nachweis über den Grad der Erreichung der (selbst-) gestellten Zielsetzung. Die Zielsetzungen des Lehr-Lern-Arrangements müssen daher transparent und einsichtig sein. Nur dann können sie mit den individuellen Lerninteressen der Lernenden verbunden und explizit schriftlich fixiert werden. Die schriftliche Fixierung der Lernziele dient einerseits als Grundlage der späteren Selbst- und Fremdbeurteilung des Lernfortschrittes, andererseits dient sie den Lernenden als Orientierungshilfe für die systematische Verfolgung der gesetzten Ziele. Sie stellt nach der Festlegung des Zweckes den ersten Schritt der Portfolioarbeit dar. Portfolioarbeit, wie wir sie verstehen, folgt den Prinzipien: Partizipation, Kommunikation und Transparenz. Die Güte eines Portfolioprozesses bemisst sich daher am Grad der Realisierung dieser drei eng miteinander verbundenen Prinzipien (vgl. Häcker/Dumke/Schallies 2002).
LiteraturBarton, J., & Collins, A. (1993). Portfolios in Teacher Education. Journal of Teacher Education, 44 (3), 200-210.Behrens, M. (1997). Das Portfolio zwischen formativer und summativer Bewertung. Beiträge zur Lehrerbildung, 15 (2), 176-184. Behrens, M. (2001). Denkfiguren zum Portfoliosyndrom. journal für lehrerInnen- und lehrerbildung, 1 (4), 8-16. Dewey, J. (1916). Democracy and Education. New York: Macmillan. Elbow, P., & Belanoff, P. (1997). Reflections on an Explosion. In: Kathleen Blake Yancey & I.Weiser (Hrsg.), Situating Portfolios: Four Perspectives. (S.21-33). Logan, Utah: Utah State University Press. Forster, M., & Masters, G. (1996). Portfolios. Assessment Resource Kit (ARK) . Camberwell,Melbourne,Victoria: Allanby Press Printers Pty. Ltd. Häcker, T. (2002). Der Portfolioansatz - die Wiederentdeckung des Lernsubjekts? Die Deutsche Schule, 94 (2), 204-216. Häcker, T., Dumke, J., & Schallies, M. (2002). Weiterentwicklung der Lernkultur: Portfolio als Entwicklungsinstrument für selbstbestimmtes Lernen. Informationsschrift zur Lehrerbildung, Lehrerfortbildung und pädagogischen Weiterbildung, (63), 8-18. Harada, N. (2001). Leistungsbeurteilung mittels Portfolio. Grundschule, 33 (4), 32-33. Jones, J. E. (1994). Portfolio Assessment as a Strategy for Self-Direction in Learning. New Directions for Adult and Continuing Education, (64), 23-29. Paulson, F. L., Paulson, P. R., & Meyer, C. A. (1991). What Makes a Portfolio a Portfolio? Educational Leadership, 48 (5), 60-63. Sacher, W. (2001). Leistungen entwickeln, überprüfen und beurteilen. Bad Heilbrunn/Obb.: Julius Klinkhardt. Vavrus, L. (1990). Put Portfolios to the Test. Instructor, 100 (1), 48-53. Weinert, F. E. (1999). Die fünf Irrtümer der Schulreformer. Psychologie Heute, 29 (7), 28-34. Winter, F. (1996). Schülerselbstbewertung. Die Kommunikation über Leistung verbessern. In: H. Bambach, H.Bartnitzky, C.v.Ilsemann, & G.Otto (Hrsg.), Friedrich Jahresheft: Prüfen und beurteilen. (S.34-37). Seelze: Friedrich Verlag. | |
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