| Sunday, 05.09.2010 | |
| Portfolio und Leistungsbewertung | |
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Ausflug in eine andere Welt Ich befinde mich an der Beacon High-School im Westen von Manhattan. Es ist eine öffentliche Schule, die seit 1997 ihre Leistungsbewertung auf Portfolios umgestellt hat.(1) Aus der Unterrichtsarbeit heraus entstehen umfangreiche Leistungsnachweise. Das können z.B. schriftliche Ausarbeitungen zu kleinen empirischen oder künstlerischen Projekten, Experimentalberichte, Essays, Literaturanalysen oder Produkte kreativen Schreibens sein. Nach einer ersten Fertigstellung werden sie verbessert und gehen schließlich in ein Fachportfolio ein. Die Devise heißt: sammeln, auswählen, überprüfen, reflektieren. Sechs solcher Portfolios entstehen und zwar in den Gebieten: Naturwissenschaften, Geschichte, Mathematik, Englisch, Fremdsprache und "senior seminar". Wenn der Mentor eines Schülers der Ansicht ist, dieser sei weit genug fortgeschritten, meldet man sich zu einer Prüfung an. Diese findet dann anhand des Portfolios statt: Der Schüler erläutert seine Arbeit und stellt sich den Fragen der Lehrer. Häufig sind bei diesen Prüfungen auch externe Beurteiler anwesend, z.B. Lehrende aus benachbarten Colleges. Bestehen kann man die Portfolioprüfungen auf drei verschiedenen Niveaus: "Honors Standard", "Beacon Standard" und "Competency Standard". Für die Arbeiten, die in den Portfolios dokumentiert werden, gibt es definierte Ziele und Standards. Letztere wurden zwischen den Schulen, die in ähnlicher Weise arbeiten, ausgehandelt. Sie enthalten vor allem sprachlich ausformulierte Niveaustufen für einzelne fachliche Anforderungen. Für die Literaturbetrachtung steht dort z.B. eine Kategorie "kritischer Fokus". Als gut gilt, wenn man seine Analyse anhand zentraler Gedanken aufgebaut und sie durch Belegstellen gestützt hat. Worüber wir reden Im Folgenden soll es darum gehen aufzuzeigen, welche Möglichkeiten zur Veränderung der Leistungsbewertung mit dem Instrument Portfolio gegeben sind. Die Spanne ist weit. Sie schließt die im Eingangsbeispiel schon angesprochene Abschlussprüfung ebenso ein, wie inhaltliche Gespräche über einzelne Einlagen zwischen Lehrern und Schülern oder die Analyse von Entwicklungen anhand einer zeitlich gereihten Serie von Belegen. Das tradierte Modell und zwei Richtungen der Veränderung
Die Leistungsbeurteilung erfolgt in der Form von Ziffern. Diese sind vor allem geeignet, Abstufungen in der eingeschätzten Leistungshöhe vorzunehmen und auf diesem Wege mitzuteilen, welchen Rang der Einzelne in der Klasse einnimmt. Von Kritikern wird den Noten unter anderem vorgeworfen, dass sie keine inhaltliche Rückmeldung geben, die inhaltliche Kommunikation über die Leistung behindern und die schwächeren Schüler immer wieder entmutigen, denn im Vergleich mit den anderen schneiden sie regelmäßig schlecht ab, auch wenn sie persönlich vorangekommen sind.(3) Mit dem Portfolio ergeben sich neue Perspektiven. Die Art, wie Leistungen erbracht, festgestellt, bewertet und dokumentiert werden, lässt sich grundlegend verändern ? ja, die gesamte Zielstellung des Umgangs mit Schülerleistungen kann davon berührt sein. Vierlinger (1999, S. 79) spricht in diesem Zusammenhang von einer _Kopernikanischen Wende´ in der Leistungsbeurteilung. Während die bisherige Leistungsprüfung ? wie skizziert - punktuell und unter begrenzten Bedingungen erfolgt, kann sie mit Hilfe des Portfolio in zwei Richtungen aus dieser Klausursituation gewissermaßen "auswandern".
Der Charakter und die Brisanz der punktuellen Leistungsbewertung zum Zeitpunkt der ersten Vorlage einer Arbeit lassen sich mit dem Portfolio ändern. Die erste Beurteilung eines abgelieferten Produkts durch den Lehrer muss nicht dem Anspruch folgen, umfassend, exakt oder gar bezifferbar zu sein. Die Note zu einer Portfolioeinlage wäre eher schädlich, denn es geht ja darum, eine inhaltliche Stellungnahme zu formulieren, aus der eventuell Konsequenzen für die Weiterarbeit gezogen werden sollen. Insgesamt lässt sich sagen: Das Portfolio eröffnet Möglichkeiten, die tradierte punktuelle Wissensprüfung durch andere vorverlagerte sowie nachträgliche Maßnahmen teilweise zu ersetzen. Natürlich wird man sich für einen solchen Weg nur entscheiden, wenn er Vorteile bringt. Einige Maßnahmen und die damit verbundenen pädagogischen Vorzüge will ich im Folgenden skizzieren: Neue Möglichkeiten für die Leistungsbewertung Andere Leistungen werden ermöglicht und abrechenbar gemacht Gemeinsame Qualitätsarbeit Bei der Arbeit mit den Portfolios sind die Schüler immer wieder aufgefordert, eigene Arbeiten für ihre Mappe auszuwählen. Sie sind daher gezwungen, stellungnehmend auf ihr eigenes Werk zu schauen. Da die Einlagen in das Portfolio in der Regel mit einem entsprechenden Deckblatt (vgl. Winter 2000c, S. 45) versehen sind, wird die Selbsteinschätzung auch explizit gemacht und kann leicht zu einem Gegenstand der Kommunikation werden. Leistungspräsentation und Rechenschaftslegung Portfolios eignen sich auch dazu, auf Elternabenden ausgelegt zu werden. Mit informativen sowie unterhaltsamen (z.B. literarischen) Portfolioeinlagen können besondere Präsentationsveranstaltungen gemacht werden, auf denen vorgelesen und vorgeführt wird, was erarbeitet wurde. Solche Präsentationen sind selbstverständlich auch ohne Portfolio denkbar. Dieses bietet aber eine gute Grundlage dafür, dass präsentable Arbeiten entstehen und dann auch aufbewahrt und dokumentiert werden. Die genannten Formen der Leistungspräsentation stellen eine Demokratisierung der Leistungsbewertung dar. Diese wird aus dem engen Rahmen der einseitig bestimmten Beziehung zwischen Lehrer und Schüler herausgeholt. Leistungen und manchmal auch die Prozesse, die dazu geführt haben, können auf diesem Wege für die Mitschüler, für Eltern, für andere Lehrer und eine interessierte Öffentlichkeit sichtbar und einschätzbar werden. Sie können dazu beitragen, der Rechenschaftslegung der Schule über ihre Anstrengungen und Erfolge eine schöne und demokratisch kontrollierte Form zu geben. Öffentliche Verantwortung muss nicht länger nur als staatliche Aufsicht verstanden werden (vgl. Sachverständigenrat 2001). Zusammenarbeit der Lehrer an der Leistung Veränderte Prüfungen Die hier kurz geschilderten Maßnahmen zur Leistungsbewertung anhand von Portfolios sollten den Blick öffnen für die Möglichkeiten, die diesbezüglich bestehen. Sie beinhalten erweiterte Ziele der Leistungsbewertung und ein verändertes Verständnis von Leistung. Die bürokratisch-administrative Einordnung der Leistungen und der Schüler ist nicht mehr das vorrangige Ziel der Leistungsbewertung. Diese wird für die pädagogischen Aufgaben der Schule zurückgewonnen (vgl. Flitner 1999, S. 244). Anhand des Portfolios können dialogische Prozesse der Reflexion und Bewertung stattfinden, die den Lernprozess tragen und stützen. Sie werden ein inneres Moment des Lernens und auch selbst Lernziel, denn es geht nicht zuletzt darum, die Fähigkeit der Schüler zur Beurteilung ihrer Arbeit und zur Steuerung ihres Lernens zu entwickeln. Die punktuelle Überprüfung von Wissen bzw. von einzelnen Produkten wird dadurch nicht überflüssig, sie kann aber zurücktreten. Außerdem können anhand des Portfolios neue und zusätzliche Präsentationsformen und Kontrollen für die Leistungen der Schüler und die Leistungen der Schule eingeführt werden, die deutlich demokratischer sind als die bisherigen Verfahren (vgl. Winter 2000b). Das eingangs skizzierte Beispiel der amerikanischen High-School lässt ahnen, dass es ein langer Weg ist, zu einem ausgearbeiteten und umfassenden System der Leistungsbewertung anhand von Portfolios zu gelangen (vgl. Darling-Hammond und Falk 1997). Kollegien, die sich auf diesen Weg begeben wollen, werden sicher zunächst mit Schreibportfolios bzw. anderen Kurs-Portfolios Erfahrungen sammeln. Im Sinne der Förderung einer erweiterten Lernkultur und der Stärkung demokratischer Schulentwicklung scheinen solche Versuche aber äußerst wünschenswert zu sein. Die Schulaufsichtsbehörden sollten daher weitere Versuche mit Portfolioarbeit und mit Leistungsbewertung anhand von Portfolios zulassen und fördern, damit auch im deutschsprachigen Raum Schulen ihre Absolventen mit prall gefüllten Portfolios entlassen können, welche diese stolz ihren künftigen Arbeitgebern oder einer folgenden Ausbildungsinstitution vorlegen können.
Literatur:Beck, Erwin: Eigenständiges Lernen ? eine Herausforderung für Schule und Lehrerbildung. Beiträge zu Lehrerbildung 7 (1989), H. 2, S. 169-178Bräuer, Gerd: Portfolios: Lernen durch Reflektieren. In: Informationen zur Deutschdidaktik 22 (1998), H. 4, S. 80-91 Brunner, Ilse; Schmidinger, Elfriede: Portfolio - ein erweitertes Konzept der Leistungsbeurteilung. Erziehung und Unterricht 147 (1997), H. 10, S. 1072-1086 Brunner, Ilse; Schmidinger, Elfriede: Gerecht beurteilen. Linz 2000 Darling-Hammond, Linda; Ancess, Jacqueline; Falk, Beverly: Authentic assessment in action: studies of schools and students at work. New York 1995 Darling-Hammond, Linda; Falk, Beverly: Supporting teaching and learning for all students: Policies for authentic assessment systems. In: Goodwin, Lin A. (Ed.): Assessment for equity and inclusion. New York 1997 Flitner, Andreas: Reform der Erziehung. Impulse des 20. Jahrhunderts. München 1999 Gerling, Ursula; Thürmann, Eike: Portfolio ? ein Beitrag zur Qualitätssicherung und noch mehr. Schulverwaltung (NRW) 1998, H. 3; S. 69-71 Greve, Hille: Viertausend Jahre Zensur! Ist ihre Zeit um? Das dänische Beispiel. In: Pädagogik und Schulalltag 47 (1992), H. 5, S. 520-525 Jervis, Kathe; McDonald, Joseph: Standards. The philosophical monster in the classroom. Phi Delta Kappan 78 (1996), H. 4, S.563-569 Koch, Leo: Schweizer Entwurf zu einem europäischen Sprachenportfolio. In: Fremdsprache Deutsch (1998), H. 2, S. 38-39 Lehtinen, Erno: Institutionelle und motivationale Rahmenbedingungen und Prozesse des Verstehens im Unterricht. In: Reusser, K.; Reusser-Weyeneth, M. (Hrsg.): Verstehen. Psychologischer Prozeß und didaktische Aufgabe. Bern 1994, S. 143-162 Lissmann, Urban: Beurteilung und Beurteilungsprobleme bei Portfolios. In: Jäger, R.S. (Hrsg.): Von der Beobachtung zur Notengebung. Landau 2000, S. 282-329 Sacher, Werner: Leistungen entwickeln, überprüfen und beurteilen. Grundlagen, Hilfen und Denkanstöße für alle Schularten. Bad Heilbrunn 2001 Sachverständigenrat Bildung bei der Hans-Böckler-Stiftung: Die große Bildungsreform steht noch aus. Frankfurter Rundschau Nr. 253 vom 31.10.01, S. 18 Vierlinger, Rupert: Leistung spricht für sich selbst. Heinsberg 1999 Winter, Felix: Mit Leistung anders umgehen lernen ? das Beispiel Lerntagebuch. In: Huber, L.; Asdonk, J.; Jung-Paarmann, H.; Kroeger, H.; Obst, G. (Hrsg.): Lernen über das Abitur hinaus. Erfahrungen und Anregungen aus dem Oberstufen-Kolleg Bielefeld. Seelze 1999, S. 196-207 Winter, Felix: Reflexives Lernen und Selbstbewertung von Leistungen. In: Landesinstitut für Schule und Weiterbildung NRW (Hrsg.): Förderung selbständigen Lernens in der gymnasialen Oberstufe. Erfahrungen und Vorschläge aus dem Oberstufen-Kolleg Bielefeld. Soest 2000a, S. 150-161 Winter, Felix: Die Gretchenfrage: Wie halten wir es mit der Leistungsbewertung? In: Böttcher, W.; Philipp, E. (Hrsg.): Mit Schülern Unterricht und Schule entwickeln. Vermittlungsmethoden und Unterrichtsthemen für die Sekundarstufe I. Weinheim 2000b, S. 102-122 Winter, Felix: Guter Unterricht zeigt sich in seinen Werken. Mit Portfolio arbeiten. Lernende Schule 3 (2000c), H. 11, S. 42-46 Winter, Felix: Zensuren und Leistungsbewertung. In: Kublitz, M.; Strobl, G.; Gees, M. (Hrsg.): Kanon, Kreativität und Co. Bildungsbegriffe in der Diskussion. Bielefeld (Universität) 2000d, S. 133-139 Winter; Felix: Ein Instrument mit vielen Möglichkeiten ? Leistungsbewertung anhand von Portfolios. In: ders.; von der Groeben, A.; Lenzen, K.-D. (Hrsg.): Leistung sehen, fördern, werten ? neue Wege für die Schule. Bad Heilbrunn (in Vorbereitung) Anmerkungen: Hinweis: | |
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